Büchertipp über Die Anatomie des Schicksals: Was uns lenkt
Wie kommt ein Arzt zum eher philosophischen Thema Schicksal?
Prof. DDr. Johannes Huber: "Ach das ist sehe naheliegend. Es begegnet mir als Gynäkologe ständig in meiner Ordination. 40 Jahre in der Geburtshilfe haben meinen Blick geschärft: Es gibt Kräfte, die unser Leben schon vor der Geburt und während der Schwangerschaft schicksalshaft beeinflussen. Schon Babys kommen mit unterschiedlichen Wesenszügen zur Welt. Manche sind vom ersten Tag an der pure Sonnenschein, andere zornige Schreihälse oder still und in sich gekehrt. Da fragt man sich natürlich, warum ist das so?
Heute wissen wir, es sind nicht nur die Gene verantwortlich, sondern die ganzen Lebensumstände. Verhaltensweisen und Gedanken unserer Ahnen bestimmen uns vom ersten Tag an. Die Übertragung erfolgt epigenetisch oder durch die eben erst erforschte microRNA. Es ist ein hochspannendes Thema, das die Schicksalsgemeinschaft zwischen Kind und Eltern bestimmt.
Nur 5% unserer Anlagen im Genom sind aktiviert. Der viel größere Teil von 95% galt bislang als Müll, als 'Junk - DNA'. Wie wir heute wissen: ein ungeheures Geheimarchiv des Menschen! Da ist viel gespeichert. Ist der Vater sportlich? Neigt er zu Angst? Trinkt er? Oder ist die Mutter depressiv? Wurde sie gemobbt? Freut sie sich auf ihr Kind und spricht sie mit ihm? Das alles - und noch viel mehr - bestimmt uns."
Der Autor wurde gefragt: Sie beginnen Ihr Buch mit einem Zitat von Pharao Tut-anch-Amun: "Ich habe das Gestern gesehen, ich kenne das Morgen". Ist dem so?
"Man könnte meinen, das Schicksal sei gnadenlos, willkürlich und unerbittlich, wenn wir das Sterben der Saurier betrachten. Es gibt Schicksalsschläge, die krachen unausweichlich mitten ins Leben. Aber es gibt auch hausgemachtes Schicksal. Das können wir in die Hand nehmen. Das ist die gute Nachricht. Aber dafür müssen wir etwas tun. Ein neuer Zweig der evolutionären Entwicklungsbiologie, 'Evodevo' genannt, hat es quasi entschlüssel."
Was können wir also tun?
"Gehen Sie z.B. laufen! Dann glaubt ihr Körper, Sie sind auf der Flucht, und im Gehirn bilden sich zusätzliche Nervenzellen und Verbindungen, um Ihre Aufmerksamkeit zu erhöhen. Das ist ein steinzeitliche Mechanismus. heute schützt er uns vor Altersvergesslichkeit und Alzheimer. Aber jetzt kommt die beste Nachricht, und die ist neu: Der Vater gibt über den vorhin beschriebenen Mechanismus diesen Schutz sogar an die Kinder weiter."
Im Buch legen Sie einen besonderen Fokus auf die Gedanken und sagen: Gedanken werden Schiksal. Was bedeutet das im Alltag?
" 'Es ist der Geist, der den Körper schafft', wie es schon in Schillers 'Wallenstein' heißt. Wir werden selbst das, womit wir uns beschäftigen oder umgeben. Gedanken sind Energie. Das Pendant zur Materie. Man kann sie messen und sie bleiben im Universum erhalten und werden dort geparkt. Sozusagen als lebendiger, wenn auch sehr kleiner Teil im Kosmos. Das wissen wir dank Ludwig Bolzmann. Achten wir auf unsere Gedanken, denn sie werden zu Taten, zu Gewohnheiten, Charakter und am Ende zu Schicksal."
Sie sind einerseits Arzt und Naturwissenschaftler, anderseits Theologe. Kommen Sie in den Sichtweisen eigentlich nie in Konflikt? Hier die Schöpfung, da der Urknall.
"Nein, ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Die Wissenschaft belegt nach und nach, was man früher fast kindlich geglaubt hat. Da halte ich es mit dem Christen und Quantenpysiker Zeilinger: 'Beim Urknall wurde der ganze Plan festgelegt.' Zeilinger sieht im Hinblick auf die Entstehung des Universums zwei offene Fragen, auf die die Naturwissenschaft voraussichtlich keine Antwort findet und keine finden wird. Erstens: woher kommen die Naturgesetze? Zweitens: Woher kamen die Anfangsbedingungen? Man kann sich einen Weltenbaumeister  denken oder auch nicht. Für ihn und mich existiert er auf einer abstrakten Ebene. Die Evolution ist für uns eine Schöpfung Gottes."
Im Buch beschäftigen Sie sich mit der zunehmenden Aggression in der Gesellschaft und haben auch dafür eine Erklärung. Eine naturwissenschaftliche, keine philosophische.
"Wir atmen heute eine ganz andere Luft als noch vor 100 Jahren. heute ist sie voll von Feinstaub und Mikrofeinstaub. Man muss ja nur den Schnee in den Bergen oder am Gartentisch ansehen, dann weiß man Bescheid. Wenn wir das einatmen, spiel das Immunsystem Rambazamba. Dann erzeugt das Gehirn Entzündungen, Ängste, Aggressionen und Depressionen. Das sind Immunreaktionen. Das Immunsystem ist auch für unsere Psyche verantwortlich. Die ganze Welt ist zudem überflutet von künstlichem Östrogen, dem weiblichem Hormon, das in Plastiḱflaschen, Autositzen und Polyesterkleidung steckt. Auch das verändert unser Gehirn und könnte sogar dafür verantwortlich sein, dass sich die Geschlechterrollen verschieben."
Als Gynäkologe gelten Sie als vehementer Gegner des biologischen Genderns ...
"Aus gutem Grund. Mann und Frau sind biologisch nicht gleich. Es ist sogar so, dass die Natur der Frau für die Evolution durch die Mutterschaft eine besondere, wichtigere Rolle als dem Mann zugewiesen hat. Dieses ganze Streben nach dem Einheitsmenschen ist ein totaler Irrläufer. All diese Bestrebungen, die Unterschiede in Geschlecht, Gesellschaft, Nationalität, Bildung und Status abzuschaffen bis hin zu Unisex - Toiletten - das halte ich alles für geistige Osteoporose. Es ist nur bequem für die Politik und die Wirtschaft, aber widerspricht einer natürlichen vielfältigen Gesellschaft. Das alles ist natürlich kein Widerspruch zur Gleichberechtigung. Das sollte man 2019 nicht mehr diskutieren müssen. Die Jahrmillionen alte Verfassung der Natur kann eine extrem einseitige Politik nicht ändern."
Wenn man sich die Krisen der Welt ansieht, von Verschuldung bis Massenmigration oder Klimakrise: Können wir sie bewältigen, oder wird uns die Erde abschütteln? Werden wir überleben?
"Es sind ja nicht die ersten Krisen, die der Mensch zu bewältigen hat. Wir haben die Möglichkeit gegenzusteuern oder uns anzupassen, wie wir uns immer angepasst haben. Gefährlich wird es erst, wenn wir schneller sein müssen, als es die Evolution vorsieht."
Was tun Sie für ihr eigenen Schicksal?
"Ich vergifte mich nicht. Weder mit Essen - ich betreibe Dinner - Cancelling - noch mit Gedanken. Der christliche Gedanke der Vergebung und Nächstenliebe ist hier ganz wesentlich."
Danke für das Gespräch! Entnommen der Krone 20.10.2019