Ein neuer Weg aus der Schuldenfalle für psychisch Kranke

Die Gründung eines Fonds für außergerichtliche Gläubigervergleiche

Von Manfred Voepel

Im Klinikum Nord wurde 1998 das Projekt "Schuldenberatung für psychisch kranke Menschen im Krankenhaus" als Teil des Sozialdienstes gegründet und seither von vielen Seiten gewürdigt. Es wurde sowohl mit dem "Lilly Award" geehrt als auch zweimal mit dem Förderpreis von "Start Social", einer Initiative der Wirtschaft, die unentgeltlich innovative soziale Projekte coacht. Seit dem Herbst 2002 erhält das Modellprojekt Zuwendung durch die renommierte Reemtsma Stiftung. (Vergl. die Psychosoziale Umschau in 4/2002 und 1/2004).

Bislang konnten pro Jahr mehr als 240 überschuldete Patienten wirksam entschuldet und damit wirtschaftlich saniert werden. In aller Regel sind die Schulden der Patienten aus Rechtsgeschäften des täglichen Lebens entstanden, wie Teilzahlungskredite, Bestellungen im Versandhandel, Handy- oder Internet-Verträge oder haben sich durch krankheitsbedingte Aufgabe kleiner Geschäfte (Restschulden und Verbindlichkeiten) ergeben. Die Höhe der Schulden bewegt sich dementsprechend in Beträgen von wenigen hundert bis zu einigen tausend Euro. Die Aussichten der Gläubiger, bei diesen Schuldnern ihre Außenstände eintreiben zu können, sind in der Mehrzahl der Fälle ungünstig, weil Einkommen oder Vermögen fehlen. Angesichts der Forderungshöhe gerät überdies der Aufwand für die Verfolgung der Schulden auf Gläubigerseite schnell ins Missverhältnis zu den kalkulierbaren Erträgen. Vor diesem Hintergrund hat sich gezeigt, dass Gläubiger in der Regel bereit sind, auf Vergleichsvorschläge einzugehen, die ihnen eine verhältnismäßig niedrige Vergleichssumme in Aussicht stellen, weil bekanntlich der Spatz in der Hand besser ist, als die Taube auf dem Dach. Können die dafür nötigen Mittel nicht aus eigener Kraft oder mit finanzieller Unterstützung durch Familie oder Freunde erbracht werden, soll nun der "Fond für außergerichtliche Gläubigervergleiche zugunsten psychisch kranker Menschen" Abhilfe schaffen, der von dem "Nussknacker e.V." in Hamburg eingerichtet werden soll. Zusätzlich unterstützt die "Ilse und Hans-Günter Regenbogenstiftung" die Projektidee ab Januar 2004, indem sie einen Teil der dann anstehenden Vergleiche finanzieren will. Der Patient soll in diesen Fällen allerdings auch in die Pflicht genommen werden, sich an der laufenden Kapitalbeschaffung für den Fond zu beteiligen, d.h. er soll im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten zur Erstattung der für ihn aufgewendeten Tilgungssumme angehalten werden, ohne für ihn zu einem neuen Schuldendruck führen.

Der Nussknacker e.V. hat dazu jetzt ein spezielles Fondkonto eingerichtet, dass die KSK Südholstein gebührenfrei führt. (KSK Südholstein, Kto. Nr.: 15014335, BLZ 230510 30)

Die Initiatoren: Günter Breese, ehemaliges Vorstandsmitglied des LBK Manfred Voepel, Ltg. des Sozialdienstes Adolf W. Hamester, Schuldnerberater im Klinikum Nord, Hamburg Joachim Schwertfeger, Geschäftsführer des Nussknacker e.V. Quelle: http://www.lichtblick-newsletter.de/ticker267_04.html Die Zahl der psychisch Kranken nimmt zu. Dabei könnte oft geholfen und rechtzeitig verhindert werden, z.B. das psychisch Kranke auf der Strasse landen. „Neunzig % meiner Klienten landen als eine von mehreren Folgen ihrer Erkrankung in der Obdachlosigkeit“, sagt Dr. Janos Korom, der auch Drogen- und Alkoholkranke betreut. Die Betroffenen sind oft nicht in der Lage, Behördenansprüchen genüge zu tun, zB regelmäßig ihre Miete selbst zu bezahlen. Gerne lassen sie auch Wohnung verwahrlosen, oder werden von ihren Nachbarn durch ihr Fehlverhalten als untragbar empfunden. Wenn dann endlich ein Sachwalter beantragt wird, der die notwendigsten Verwaltungsaufgaben in die Hand nimmt, etwa regelmäßig den Strom, Gas und die Miete zu bezahlen, hat der Betroffene und seine Familienangehörigen sowie die Nachbarn des Betroffenen schon die Hölle durchlaufen. „Psychisch Kranke könnten früher, vor allem noch bevor die Delogierung ansteht oder verwirklicht wird, aufgefangen und vor der Obdachlosigkeit bewahrt werden. Gemeinsam können wir diese Kranken in die Lage versetzen, sodass Sie betreut zu Hause wohnen bleiben können“, sagt Dorothea Gschöpf vom Verein für Sachwalterschaft und Patientenanwaltschaft. „Viele Betroffenen haben kein Vertrauen mehr in ihre Umwelt. Bei manchen sage ich über 2 Jahre lang, das die Welt um die Betroffenen herum weder gut noch böse ist, sondern das der Einzelne sie sich so einrichten muss, wie der Einzelne es will“, sagt der Sozialarbeiter Bernhard Litschauer. Das Sozialarbeiter und Psychiater besser zusammenarbeiten und das die Betreuungsnetze ausgebaut werden müssen, um mehr psychisch Kranke derart auffangen zu können, ist den zuständigen Stellen klar. „Wenn ein Patient erst beim vierzehnten Kontakt Behandlungsbereitschaft zeigt, ist es wichtig, dass man die Kontakte zuvor nicht als Fehlkontakte bzw als sinnlose Vernichtung von Steuergeldern interpretiert.“, sagt Josef Schörghofer, Leiter des psychosozialen Notfalldienstes PSD Wien.

Beratung und Hilfe in akuten Fällen:

Tagsüber: Tel: 0043 1 310 25 73 74

Nachts & an Sonn- und Feiertagen: Tel: 01 310 87 79 – 80

seit Juli 2006: 1030 Wien, Hainburger Strasse 68-70

Tel. 01 31330 www.psychosozialedienste.at

 

Hilfe für Jugendliche: E- Cardpflichtige (und somit kostenlose) psychotherapeutische Betreuung für Kinder und Jugendliche biete das Projekt Pfizer in Zusammenarbeit mit der Caritas. Geholfen wird jungen Menschen, die von akuter Armut, Gewalt oder Wohnungsverlust betroffen sind. Weitere Infos sind zu finden unter www.pfizer.at

Einen ganzheitlichen Ansatz der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie bietet an www.oekids.at

Aus www.sz-wissen.de Mai 2005 "Helden der Forschung"

Der britische Psychologe Richard Bentall wollte wissen, wie sich seine Patienten fühlen - und schluckte selbst Psychopharmaka. Warum wehren sich Patienten in der Psychiatrie so häufig gegen die Einnahme ihrer Pillen? Eben, weil sie krank sind, argumentieren viele Nervenärzte. Klingt plausibel, doch Richard Bentall, Psychologe an der Universität von Manchester, gab sich mit der Antwort nicht zufrieden und wagte eine Experiement: Er und einige Kollegen schluckten je 5 Milligramm Droperidol, ein Medikament, welches auch Patienten mit Schizoprenie oft verabreicht wird. Nach einer Stunde begann Bentall, sich lethargisch zu fühlen. Es fiel ihm zusehens schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen. Eine Kollegin, die das Experiment überwachte, begann ihm Fragen zu stellen: Ob er manchmal Stimmen höre? Die Stimme von Gott womöglich? Bentall kannte den Test, mit dem Patienten auf Schizoprenie untersucht werden, denn er hatte ihn vor 10 Jahren selbst entworfen. Bentall fühlte sich, als müsse er den "Mount Everest besteigen". Auch der Kollegin fiel sein jämmerlicher Zustand auf und sie fragte, ob er etwas essen wolle. Am Sandwitchautomaten angekommen, konnte sich Bentall nicht entscheiden, welche Münze er einwerfen sollte. Er wählte dann einen Marsriegel, den er aber nicht essen konnte, weil ihm übel war. Die Kollegin fuhr fort, ihn zu testen. Weit kam sie nicht, denn plötzlich brach Bentall in Tränen aus. Ein weiterer Kollege erbarmte sich seiner und gab ihm ein Gegenmittel. Bentall war so überwältigt, dass aus ihm alles heraussprudelte, was ihm schon immer Schuldgefühle bereitet hatte. Irgendwann schlief er ein und wachte weitere drei Stunden später völlig verkatert wieder auf. Das Gefühl, ihn trenne eine Glaswand von seiner Umwelt, hielt eine Woche lang an. Dabei hatte Bendal noch Glück: Eine weitere Teilnehmerin des Experiementes verfiel in so tiefe Depressionen, dass sie fortan unter ständige ärztliche Beobachtung gestellt wurde. Er sei nicht grundsätzlich gegen Medikamente in der Psychiratrie, sagt Bentall. Untersuchungen hätten ergeben, dass sie in 30% der Fälle durchaus in gewünschter Weise wirken. "Allerdings wissen wir vorher nicht, für welche Patienten das gilt!" Verheerend seien zudem die Nebenwirkungen dieser Neuroleptica, die von motorischen Störungen über Gewichtszunahme bis zu erhöhtem Herzinfarktrisiko und Diabets reichen. In der Regel werden die Psyichiatrie - Patienten über diese Risiken nicht aufgeklärt und überdies wie kleine unmündige Kinder behandelt, kritisiert der Psychologe. Aber kann man Menschen anders behandeln, die sich zum Teil wirklich wie kleine Kinder benehmen? Natürlich, sagt Bendall, denn es gibt nicht so viele hoffnungslose Fälle, wie man denkt. Selbst diejenigen, welche da glauben von der CIA verfolgt zu werden, benehmen sich völlig normal, wenn man mit ihnen über andere Dinge spricht. Das Problem seinen nicht die Patienten, sondern sei die Psychiatrie selbst mit ihren willkürlichen Diagnosen, die Bentall mit der Astrologie gleichsetzt. Er hat darüber ein Buch geschrieben, das seine provokante Thesen auf 600 Seiten ausführlich mit wissenschaftlichen Studien untermauert. In der Fachwelt ist das Buch umstritten, aber von Patienten hat Bentall sehr viel Zustimmung erfahren. Einige hätten das Buch ihrem behandelnden Arzt auf den Tisch geknallt und eingefordert, das er sie endlich ernst nehmen soll. Hört sich doch vernünftig an, findet Bentall.

HPE Österreich Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter www.hpe.at

Rund 450 Millionen Menschen leiden an psychischen Störungen Alle haben wir hin und wieder ein Psychisches Problem, oder? Nirgendwo sonst in der Medizin ist die Grenze zwischen gesund und krank schwerer zu ziehen. Es ist sehr wichtig, zwischen Beschwerden, mit denen man umgehen kann und solchen, mit denen man nicht mehr zurecht kommt, zu unterscheiden, so Univ. Prof. Wolfgang Fleischhacker von der Uni Innsbruck. Angst und Trauer seien an sich völlig normal, manchmal geradezu gesund. Doch wenn sie chronisch werden, liegt eine psychische Störung vor. Weltweit sind rund 450 Millionen Menschen von seelischen Leiden betroffen. Doch zu viele Patienten erhalten keine Therapie. Vor allem in ländlichen Gebieten und dies gilt nicht zuletzt für Österreich gibt es zu wenig niedergelassene Psychiater. Dabei könnten wir 60% aller Depressionskrankheiten heilen und bei 80% der Schizophrenen Rückfälle verhindern, so Univ. Prof. Ahmed Osaha, Präsident der Welt Psychiatrie Vereinigung (WPA). Ein weiteres Thema des Kongresses in Wien sind die kulturbedingten unterschiedlichen Ausprägungsformen von Psychischen Erkrankungen. Das Grundproblem etwa bei einer Depression ist immer das gleiche, so Fleischhacker. Dennoch gebe es je nach Region Abweichungen im Krankheitsverlauf. In Entwicklungsländern z.B. ist es meist nicht möglich, über Seelenleid offen zu sprechen. Die Krankheit äußert sich daher meist durch körperliche Beschwerden, sagt Okasha. Manche Menschen in Afrika machen einen Fluch verstorbener Angehöriger für die Entstehung einer Depression verantwortlich. Um die Ahnen zu versöhnen, bettet man ihre sterblichen Überreste in ein besseres Grab um. Regionale Unterschiede gibt es auch in Europa, wie Psychiater Fleischhacker aus eigener Erfahrung weiß: Patienten aus Südtirol leiden häufiger an körperlichen Beschwerden. Bei Menschen, die nördlich des Brenners leben, verläuft die Krankheit anders. Da viele Therapeuten nicht auf diese Feinheiten trainieren seien, könne es zu Problemen bei der Behandlung kommen.

Noch zuwenig Beachtung finden Kinder mit psychischen Krankheiten. 20% leiden an einer diagnostizierbaren und behandelbaren Störungen. Doch bei zwei Drittel der kleinen Patienten wird die Erkrankung nicht entdeckt und daher auch nicht behandelt, so Okasha. Er fordert mehr Aufklärungsarbeit ein.